WUNDERLICHS BILDERBUCH (1)


Sie hatten auf dem Dach des Hauses gesessen, in dem Wunderlich wohnte, und Marie hatte erst über die anderen Dächer hinweg auf den Horizont gezeigt und dann auf das Haus gegenüber, wo ein dicker Mann im Unterhemd auf dem Balkon stand und rauchte.
»Bis zu ihm?«
»Nein, nicht bis zu ihm. Das war nur eine Metapher.«
Dann hatten sie geschwiegen. Sehr lange. Wunderlich hatte Marie von der Seite angeschaut, doch er konnte sie nicht gut erkennen, weil seine Augen voller Wasser waren. Irgendwann war Marie aufgestanden und hatte ihn umarmt. »Mach’s gut, Wunderlich«, hatte sie gesagt. »Ich wünsch dir Glück.« Dann war sie gegangen.
Das war jetzt zwei Stunden her. Wunderlich saß noch immer auf seinem Dach und konnte es nicht fassen. Sein größtes Glück hatte sich durch einen einzigen Satz in sein größtes Unglück verwandelt und ihm Glück gewünscht. Das ergab überhaupt keinen Sinn. »Marie, das ergibt überhaupt keinen Sinn«, sagte er in die Nacht. »Schnauze!«, antwortete die Nacht aus einem geöffneten Fenster im Haus gegenüber. Sonst wusste sie nichts dazu zu sagen.

(Weiterführende Lektüre: S. 5)


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Der Beitrag wurde am 30. Juli 2014 um 20:44 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Literatur, Meins, Musik gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.