THOMAS


Das ist mein Bruder Thomas. Ich habe das Foto gemacht, als ich ihn 1993 in San Francisco besuchte. Er wollte dort für ein paar Monate wohnen, um zu schreiben. „Komm doch einfach her“, hatte er am Telefon gesagt. „Es ist schön hier.“
In Berlin war kalter November, also schröpfte ich mein Sparkonto und flog mit meiner neun Monate alten Tochter nach San Francisco. Mein Bruder holte uns vom Flughafen ab und wir fuhren zu seinem Apartment unweit von Fisherman’s Wharf. Wenige Stunden nach unserer Ankunft bekam ich Probleme mit dem Kreislauf, mir war schwindlig und übel. Thomas besorgte Tabletten gegen den Schwindel, brachte Babybrei mit und ein blaues Krümelmonster aus Plüsch, das aussah, als müsse es sich auch gleich übergeben.
Als es mir am nächsten Tag besser ging, lieh mein Bruder von der Verkäuferin im Lebensmittelgeschäft gegenüber einen Kinderwagen für meine Tochter. Er überließ uns sein Schlafzimmer und sagte, er würde auf der Couch schlafen. Allerdings sah ich ihn nie schlafend. Nachts hörte ich manchmal die Schreibmaschine, doch meistens lief er in der Wohnung umher, redete mit Leuten am Telefon oder mit sich selbst, hörte laute Musik, bearbeitete das Faxgerät, telefonierte wieder…
Tagsüber sah ich ihn kaum, weil ich mit meiner Tochter unterwegs war. Nur einmal saßen wir vor einem Café, aßen warme Waffeln, tranken Kaffee und rauchten. Da habe ich dieses Foto gemacht. Später gingen wir in ein kleines, von Arabern geführtes Elektrogeschäft, und während ich dort meinen Film zum Entwickeln abgab, ging Thomas mit dem Ladenbesitzer ins Hinterzimmer und kaufte etwas, das es vorne nicht gab. Etwas, das ihn auch in der folgenden Nacht wach halten würde und von dem er glaubte, dass es ihm beim Schreiben half. Manchmal half es. Und wenn es nicht half, machte es ihn wütend, traurig und einsam im schönen San Francisco.
Heute vor zwölf Jahren ist Thomas gestorben. Obwohl wir uns nur selten gesehen und auch nicht immer gut verstanden haben – ich bin froh und stolz, dass ich seine Schwester sein durfte.

Zu seinem 10. Todestag vor drei Jahren gab’s im rbb-Kulturradio eine halbstündige Sendung über Thomas (Autor: Bernd Dreiocker), zu hören hier unten:

[audio: http://marionbrasch.de/Audio/Kulturtermin.mp3]

Weiterführende Lektüre:
„Die nennen das Schrei“ – Gesammelte Gedichte (Suhrkamp)
Ab jetzt ist Ruhe


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Der Beitrag wurde am 3. November 2013 um 10:00 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Literatur, Meins gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.